|
Carola H. Frankfurt, im Juni 2oo4 Ein Tag in Frankfurt oder: Gefühle ausleben können "Es ist 7.oo Uhr",
sagt die Stimme im Radio. Fertig ist die Lady! Aus dem Spiegel schaut
mich Carola an. Zufrieden bin ich und neugierig auf das Abenteuer "Alltag". Zunächst wird aber noch kurz gefrühstückt. Dann los! Wo sind die Nachbarn? Die Luft ist rein, keiner in Sicht. In die Stadt fahre ich etwa 30 Minuten. Ich suche mir in der Innenstadt, nicht weit von unserem Treffpunkt, einen Parkplatz. Von dort laufe ich bis zur Zeil. Hier kenne ich mich aus, das ist mein Revier, Die Leute um mich herum beachten mich nicht, was mir sehr gut tut. Zuerst gehe ich in ein großes Bekleidungshaus. Man kann hier sehr gut einkaufen und vor allem völlig ungestört anprobieren. Erst zu den Schuhen, Damenschuhe natürlich. Nichts dabei, ab Größe 42 nur noch Gesundheitsschlappen. Also nach oben, in die Damenabteilung. Nach einigem Suchen entdecke ich ein Kleid, das ich unbedingt anprobieren muss. In den Umkleidekabinen bin ich fast allein. Entblättern, in das Kleid einsteigen. Sieht gut aus. Der Reißverschluss ist hinten. Es kostet ein bißchen Akrobatik, den zu schließen. Das Aussteigen ist genau so kompliziert, Ich muß ein bißchen über meine Verrenkungen lachen. Hatte schon Bedenken, dass ich mir eine Verkäuferin holen muß, um aus dem Kleid wieder herauszukommen. Es hat mir gut gefallen, leider ist es zu teuer, um es nur gelegentlich zu tragen. Ich bin fast zwei Stunden im Kaufhaus geblieben. Es wird Zeit für weitere Abenteuer. Zurück auf der Zeil gehe ich in Richtung Hauptwache. Ich genieße die Situation. Der Wind fährt mir durch die Beine. Dies ist einer der Momente, in denen ich das Gefühl habe, neben mir zu stehen. Ich beobachte mich selbst und meine Umgebung mit einer inneren Distanz. Ist das wirklich Realität, dass ich hier als Mann, mitten in Frankfurt, geschminkt, mit Dessous, Kleid und Perücke herumlaufe mich dabei entspannt und zufrieden fühle? Früher hätte ich permanent das Gefühl gehabt, von allen Leuten angestarrt zu werden. Das ist vorbei, eine gewisse Normalität hat sich eingestellt. Ich fühle mich sicher. Nachdem ich unterwegs noch einen Schuhladen und ein Geschäft für Modeschmuck - erfolglos - heimgesucht habe, gehe ich in eine Buchhandlung in der Nähe der Hauptwache. Dort treffe ich auf eine sehr nette junge Dame, die ich frage, ob Bücher zum Thema Transvestitismus im Laden sind. Sie bittet mich zu sich an ihren Bildschirm, und wir schauen gemeinsam nach. Es gibt da einiges, aber alles muß erst bestellt werden. Schade, ich hätte lieber gleich in die Bücher geschaut. In drei Tagen sind die Bücher da, am nächsten Donnerstag werde ich wiederkommen. "Tschüs", hat die Nette gesagt, "bis dann!" Es ist jetzt schon Nachmittag. Auf dem Handy habe ich zwei Anrufe. Ich rufe zurück und verabrede mich mit Ellen und Gisela im Kaufhof, im Restaurant im 7. Stock. Hunger habe ich inzwischen auch. Der Weg ist kurz, nach 10 Minuten bin ich da. Ich fahre mit dem Aufzug direkt ins Restaurant. Der Aufzug ist voll. Beim Betreten des Restaurants steht man im Blickfeld der Gäste, die viel Zeit haben und die "Neuzugänge" neugierig betrachten. Ein bisschen Überwindung kostet mich so ein Auftritt doch immer wieder. Egal, da muß ich durch, Ellen hat mich schon entdeckt, sie winkt. Kurze Begrüßung, ein Aufblicken am Nachbartisch. Das war´s schon. Ich lasse meine Jacke am Platz, hole mir ein Tablett. Eine kleine Mahlzeit und eine Cola habe ich mir ausgesucht. Beim Bezahlen meint der Kassierer, wir hätten uns schon lange nicht mehr gesehen und ob ich noch Freundinnen mitgebracht habe. Er hat wirklich "Freundinnen" gesagt! Wir wechseln noch ein paar unverbindlich, freundliche Worte. "Einen schönen Tag noch", sagt er und ich gehe zurück zu unserem Tisch. Dort bin ich mit Ellen nicht lange allein. Nach kurzer Zeit kommt Gisela, Wir begrüßen uns, und nachdem auch sie sich etwas geholt hat, kommen wir in ein angeregtes Gespräch über Gott und die Welt. Wir haben überhaupt nicht bemerkt, dass es schon weit nach 20 Uhr ist. Die Rolltreppen sind zu, wir müssen den Aufzug nehmen. Wegen der mangelhaften Flucht- und Ausweichmöglichkeiten verursacht das Aufzugfahren ein etwas mulmiges Gefühl. Gisela geht zu ihrem Auto. Ellen geht mit mir zu unserem Treffpunkt, wo ich auch mein Auto stehen habe. Wir brauchen für den Weg etwa eine halbe Stunde. Ein richtig schöner Abendspaziergang über die Zeil. Es herrscht Leben. Ein paar Musikgruppen sind da, und einige Eiferer wollen die Leute bekehren. Wir genießen zu zweit ein wenig mehr Aufmerksamkeit als sonst, wenn wir allein unterwegs sind. In der Gruppe treffen wir Gisela wieder. Sie hat einen Parkplatz gefunden, war kaum schneller, als wir zu Fuß. Der Abend wird noch sehr schön, ein Treffen mit Freundinnen. Wir reden vom Wetter, vom Urlaub und über Schminktips, Familie, Partnerschaft und vieles mehr. Politik kommt auch vor und Wehwehchen aller Art. Irgendwas zwickt halt immer, aber wir nehmen das und uns selbst nicht gar so ernst. Außerdem wird natürlich - unausgesprochen - verglichen. Wie sieht die heute aus, was hat sie an? Ein schöner Weiberabend. Zum Schluss gehen wir noch zusammen in unsere Stammkneipe, trinken etwas und reden schon wieder. So gegen Mitternacht machen wir Schluss. Auf dem Heimweg habe ich, wie immer Mona mitgenommen und vor ihrer Haustür abgesetzt. Noch ein kurzes Schwätzchen, dann verabschieden wir uns. Müde bin ich, mit mir und der Welt im Reinen. Es war alles wie immer - und doch alles ganz anders! Ein schöner Tag. Morgen bin ich wieder dieser alte Kerl, mit dem ich ganz gut auskomme, bis zum nächsten Donnerstag. Carola kann warten! Es muss nicht immer die belebte Zeil in Frankfurt sein. Die Stille des Palmengartens gibt Zeit und Gelegenheit, um über sich nachzudenken.
|