Charles H. bei der Weihnachtsfeier 2006 der TVV NEU!Eine Selbsthilfegruppe besonderer Art 2004Ein Mann im Kleid- na und? 2003Bei der Weihnachtsfeier der TVV-Frankfurt NEU! von Charles
H Hallo, liebe Leserin, lieber Leser, jetzt habe ich aber wirklich lange nichts mehr von mir hören lassen. Das ist so, weil mein Chefredakteur vor einigen Monaten zu der Überzeugung gekommen ist, dass ich in unserer norddeutschen Niederlassung gebraucht werde, und ein wenig mehr Erfahrung täte mir auch gut, hat er gemeint. Es war eine gute Zeit, aber nun bin ich zu meiner Freude wieder in Frankfurt. Mit Carola habe ich natürlich schon bald nach meiner Rückkehr Verbindung aufgenommen. Die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten groß. Das hat mir gut getan. Auch Marie war sehr freundlich zu mir. Sie erinnern sich? Die kleine Frau mit den wachen Augen, die Ehefrau von Karl / Carola. Sie haben mir erzählt von den neuesten Entwicklungen im TVV Frankfurt. Die "Stammkneipe" der Ladys hat zugemacht, was alle sehr bedauert haben, denn da waren sie unter Freunden. Inzwischen haben sie aber schon eine neue Kneipe gefunden, ganz in der Nähe ihres Treffpunktes. Es sei eine schöne Kneipe mit vielen jungen Leuten. Sie sind dort schon wieder "zu Hause". Die beiden haben mich zur Weihnachtsfeier des TVV eingeladen. Ich bin natürlich hin. Es war ein schöner Abend. Die Ladys hatten ihren Treffpunkt ein bisschen wohnlich gemacht, die Tische schön gedeckt. Jede hat etwas mitgebracht, es gab verschiedene Salate, Würstchen, Käse, genug zum Trinken und es gab selbstgebackene Plätzchen. Ich habe mich mit vielen Leuten gut unterhalten können. Die meisten sind alte Bekannte, aber es sind auch neue Leute dabei. Mit denen bin ich schnell ins Gespräch gekommen. Geholfen hat mir dabei sicher ein gewisser Vertrauensvorschuss. Besonders meine Begegnung mit Mona werde ich nicht vergessen. Sie ist optisch eine Frau, ich würde daran keinen Augenblick zweifeln, wenn ich es nicht besser wüsste. Sie ist seit Jahren verheiratet. Ihre Frau weiß allerdings von Mona noch nicht sehr lange. Ich habe mich sofort gefragt, wo die wohl ihre Augen hatte. Mona gibt unumwunden zu, dass sie Hormone nimmt. Sie verdient ihre Brötchen als Mann, und sie muss sehr gut sein in ihrem Beruf, denn sie hat eine leitende Stellung in einem sehr großen Betrieb. Mit ihrer Frau hat Mona eine Abmachung getroffen. Sie kann ihre Neigung ausleben, nur daheim darf keiner was merken. Mona hält sich daran, obwohl -bei ihrer Optik? Mona ist sehr nett, gebildet, aber keineswegs eingebildet. Es war ein gutes Gespräch, das wir miteinander geführt haben. Außerdem war da noch Tina, ein ganz anderer Typ als Mona. Auch Tina ist verheiratet, ihre Frau war auch da. Tina ist als TV noch in der "Pubertät", wie Carola diesen Zustand nennt. Man sieht das an dem sehr kurzen Rock und an High-Heels, wie sie sonst keine der Ladys trägt. Sie ist eine angenehme Gesprächspartnerin, hat mir erzählt, dass sie sich ihren Kollegen und vielen Bekannten gegenüber schon geoutet hat. Wie sie sagt, hat keiner ablehnend reagiert. Hier bin ich ein bisschen skeptisch geworden. Das Outfit wirkt doch ein wenig "overdressed". Carola, die unerschütterliche Optimistin, meint, das würde sich ganz von selbst erledigen, wenn Tina erst einmal länger dabei sei. Außerdem habe sie ihr versichert, dass sie so nicht in die Öffentlichkeit geht, sondern nur zu den Treffen des TVV. Man möchte es gerne glauben. Mit Carola und natürlich auch mit Marie habe ich mich lange unterhalten, dabei waren auch zwei alte Bekannte, Claudia und Anna. Es war ein Gespräch unter Freunden, ziemlich offen auch zu unbequemen Fragen. Zum Beispiel haben sie mir vom Besuch einer TV/TS in der Gruppe berichtet, die recht ungewöhnliche Ansichten davon hat, wie man in die Öffentlichkeit gehen kann. Sie geht als Mann heraus, aber mit femininer Aufmachung, mit Make-up, aber ohne Perücke, mit Jacket und Rock, aber Männerschuhen. Ich kann mir das eigentlich nicht so recht vorstellen. Meine Gesprächspartner fanden das auch gar nicht gut. So skeptisch habe die noch nie erlebt, dabei sagen sie doch, dass diese Person sehr sympathisch und hochgebildet ist. Es war ein erlebnisreicher Abend. Sie haben mich wie einen alten Freund behandelt, obwohl sie wissen, dass ich selbst keinen Hang habe, es ihnen gleich zu tun. Ich bringe ihnen großen Respekt entgegen für ihren Mut. Sie leben aus, was die Natur ihnen vorgegeben hat. Sie haben, zum Teil, tolle Frauen, die sie lieben wie sie sind. Und ich finde, dass sie eine besondere Begabung haben. Wer kann schon aus einem alten Mann eine doch recht ansehnliche Frau machen? Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit, liebe Leser/innen, bis bald wieder mal. Ihr Charles H. In der Selbsthilfegruppe von Charles
H Liebe Leserin, lieber Leser, im Dezember vergangenen Jahres hatte ich Ihnen berichtet, wie ich Carola kennengelernt habe, vielleicht erinnern Sie sich? Inzwischen war ich mit ihr in der Selbsthilfegruppe in Frankfurt. Ich habe freundliche Menschen getroffen und meine Vorstellungen über Transvestiten sind dabei gründlich über den Haufen geworfen worden. Es sind Leute wie Sie und ich, mit Familien und mit einem meist bürgerlichen beruflichen Umfeld, in dem sie oft sehr erfolgreich sind. In der Gruppe wurde ich zunächst neugierig und ein bisschen skeptisch aufgenommen. Eigentlich hatte ich vor, Fragen zu stellen, aber es kam ganz anders. Ich wurde gründlich "geprüft". Warum ich an ihnen so interessiert sei, was ich erwartet habe. Es wurde dann aber doch noch ein schöner Abend, nachdem ich das Vertrauen der Leute gewonnen hatte. In den Gesprächen ging es recht humorvoll zu, keine Spur von Leidensdruck! "Wir sind die einzige Selbsthilfegruppe, in der nicht etwas, zum Beispiel eine Veranlagung, bekämpft wird. Im Gegenteil, wir freuen uns, die unsrige ausleben zu können", sagte Carola lachend zu mir. An diesem Abend bin ich besonders mit Annie ins Gespräch gekommen. Annie/Anton ist ein junger Mann, so um die Zwanzig. Bereits als Kind spürte Anton, dass er anders war als alle andern Jungen, die er kannte. Er war zwar immer ein "richtiger" Junge, spielte Fußball, raufte und war ein kleiner Rabauke. Später hatte er die ersten Freundinnen, erste kleine Liebschaften. Er spürte mit Befremden, dass er sich manchmal wünschte, er wäre in der Rolle des Mädchens. Ihm gefielen die Art, wie sie sich bewegten, die Kleider, das Aussehen. Irgendwann ergab sich die Gelegenheit, Mutters Kleider nicht nur heimlich zu probieren, sondern sie "offiziell" im Fasching zu tragen. Anton genoss es, einen ganzen Tag so zu leben. Damit war es heraus: Annie war geboren und sie wurde zur zweiten Natur. Die Frau, die mir da gegenüber saß, sah recht ansehnlich aus, hatte aber auch männliche Gesichtszüge. Annie hat meinen Blick richtig gedeutet. Sie sagte mir spontan, dass sie sich ihrer Wirkung durchaus bewusst ist. "Ich will nicht so sehr als Frau anerkannt werden", sagte sie, "ich will nur als Mensch respektiert werden, der nach seiner inneren Prägung lebt, ohne anderen zu schaden oder deren Gefühle zu verletzen". Annie war lange Zeit ohne Arbeit. Jetzt hat sie wieder etwas gefunden, und sie ist glücklich, eigenes Geld zu verdienen. Die Gruppe gebe ihr Halt, sagt sie. Sie komme gerne, habe dort Freunde gefunden. Die Abende seien mit das Schönste an der ganzen Woche. Annie ist noch unverheiratet. Sie lebt bei ihren Eltern in der Nähe von Frankfurt. Diese kümmern sich sehr um sie und sie unterstützen sie auch dabei, ihren Weg zu finden. Annie/Anton wünscht sich, eines Tages eine Partnerin zu finden, die mit der Situation leben kann. Eine "normale" Familie soll es werden. Ganz "normal" mit Kind und Hund - und, vielleicht, mit einem eigenen Häuschen. Ein Traum? Möglicherweise, aber nicht ganz unrealistisch. Annie/Anton macht einen recht zielstrebigen Eindruck und einen guten Beruf im lT-Bereich hat sie auch. Vielleicht kann sie ihren Traum einmal verwirklichen. Eigentlich staune ich noch immer darüber, wie sehr mich diese neuen Erfahrungen bewegen. Es ist etwas an diesen Menschen, das anzieht, neugierig macht. Auch die Art, wie sie sich geben, fasziniert. Sie sind so völlig normal- und sie sind doch ganz anders! Nicht tuntig, nicht Macho, sie sind ganz einfach sie selbst. Ob es doch so etwas wie ein drittes Geschlecht gibt? Ich habe in der Gruppe sehr verschiedene Menschen gesehen. Da sind die Ängstlichen, die sich ihrer Veranlagung schämen und sich nur im Dunkeln heraustrauen. Eine Mittelschicht gibt es auch. Das sind die, die sich zwar in die Gruppe trauen, nicht aber in die Öffentlichkeit. Schließlich sind da noch die "Selbstverständlichen", die ihren Stil und ihre Gewissheit gefunden haben. Carola lässt grüßen! Wir sind - als Abschluss des Abends - noch zusammen in eine nahe gelegene Kneipe gegangen, wo wir freundlich, fast familiär aufgenommen worden sind. Fröhlich ist es dort zugegangen, nicht laut, aber sehr gelöst. Wie viel besser ist so ein Abend, als ein Termin beim Psychiater! Also doch eine Selbsthilfegruppe - im besten Sinne. Herzlichst, Ihr Charles H. Ein Mann im Kleid - na und? von Charles
H Eine Geschichte will ich erzählen. Eine Geschichte, die mich als erfahrenen Journalisten bewegt und ein bisschen überrascht hat. Heute bin ich Carola begegnet. Sie ist groß, so um die 1.8o, hat eine dunkelblonde, graumelierte Lockenmähne. Carola ist eine gepflegte Erscheinung. Sie hat schöne Beine - und sie ist ein Mann. Carola heißt Karl, ist um die 60. Unsere Begegnung begann eigentlich schon vor einigen Tagen. Ich sah sie zum ersten Mal in einem Cafe in der Innenstadt. Sie ist mir aufgefallen wegen ihrer Größe und ihrer Ausstrahlung. Ihre leicht maskuline Anmutung ist mir im Nachhinein durchaus bewusst, aber die Gesamterscheinung hat etwas sehr Selbstverständliches, so dass dieser Gedanke - offensichtlich nicht nur bei mir -völlig in den Hintergrund gedrängt wird. Heute bin ich Carola wieder begegnet. Im gleichen Cafe. Ich habe sie gefragt, ob ich mich zu ihr setzen dürfe. Mit einem Lächeln lud sie mich freundlich ein, Platz zu nehmen. Wir sind ins Gespräch gekommen. Offen, freundlich und gelassen hat sie mir die Antworten gegeben auf meine unvermeidlichen, von Neugier diktierten Fragen. Von denen waren einige, wie ich mir inzwischen eingestehe, ein bisschen taktlos. Warum sie, obwohl ein Mann, Frauenkleider trage. Ob das immer so sei oder nur gelegentlich, wollte ich nach einer kleinen, meine Neugier entschuldigenden Einleitung von ihr wissen. Ihre Antworten kamen locker, überlegt und ohne Verlegenheit. "Ich habe keine Ahnung, was mir der liebe Gott da für einen Streich gespielt hat," sagte Carola. Auch die Wissenschaft habe noch keine wirkliche Erklärung gefunden. Was treibt völlig gesunde, keineswegs schwule Männer dazu, gelegentlich in der Rolle einer Frau zu leben, sich dabei wohl und entspannt zu fühlen? Carola nennt das, eine "Auszeit" nehmen, alle Belastungen aus dem Alltag, Beruf, Familie für eine Weile auszublenden. Inzwischen weiß ich, dass Karl seit vielen Jahren verheiratet ist mit Marie, einer quirligen, zierlichen Frau mit wachen Augen. Marie habe ich kennen gelernt, weil sie nach einer Weile zu uns an den Tisch gekommen ist. Marie liebt Karl und sie liebt Carola. Man merkt das an der Art, wie die beiden miteinander umgehen. Da ist nichts Überschwängliches, nur die ruhige Gewissheit einer beständigen Partnerschaft zu spüren. Die beiden haben es im Leben zu etwas gebracht. Sie waren lange im Beruf, haben Karriere gemacht und sind jetzt, im Ruhestand, unabhängig. Sie sind - unfreiwillig - kinderlos und darüber nicht besonders glücklich. Karl hat Marie erst vor kurzem, nach dem Eintritt in den Ruhestand, von seiner inneren Zerrissenheit und von dieser Frau, Carola, etwas gesagt. Er hat dies sehr überlegt getan, weil er seine Angst überwinden musste, Marie könnte verletzt sein, ihn möglicherweise ablehnen, sich von ihm trennen. Marie hat auf diskrete Hinweise nicht reagiert. Karl hat ihr deshalb eine Mappe zum Thema "Transvestitismus" zusammengestellt, mit dem Hinweis, sie möge diese bald durchlesen. Erst da ist Marie ein Licht aufgegangen. Es hat ein paar Tränen gegeben. Sie haben lange miteinander geredet. Karl bewundert Marie wegen ihrer recht entspannten Reaktion. Sie hat ihm vertraut, ihre Verlustängste überwunden und schließlich Carola angenommen. Sie hat verstanden, dass diese ein Teil der Persönlichkeit ihres Karl ist. Nach dieser Beichte kam Carola endlich, nach Jahren der Verdrängung, ans Tageslicht. Carola will keine Lachnummer sein. Sie hat eine tiefe Abneigung gegen alles Tuntenhafte. Von ihrer angestrebten Außenwirkung hat sie klare Vorstellungen. Normal will sie aussehen, möglichst wenig auffallen. Dabei legt sie großen Wert auf feminine Ausstrahlung. Pumps, Röcke und Nahtstrümpfe sind bei ihr angesagt. Auch schöne Blusen und gelegentlich ein Kleid müssen sein. Tatsächlich fällt Carola nicht besonders auf. Sie genießt das. Sich völlig frei und ungezwungen im Gedränge der Innenstadt zu bewegen, ist für sie das Schönste. Carola erfährt oft freundliche Zuwendung. Leute kommen mit ihr ins Gespräch. Nur äußerst selten spricht sie jemand auf ihren maskulinen Hintergrund an. Carola führt das darauf zurück, dass sie sich völlig selbstverständlich bewegt, nie den Leuten aus dem Weg geht oder Angst zeigt. Sie sagt mit leichter Selbstironie: "Kleine Männer haben vor großen Frauen Angst. Ich glaube daran. Jedenfalls hat es bisher funktioniert." Ich habe das Gespräch mit den beiden genossen. Überrascht war ich, wie gut ich nach einer Weile mit der Situation umgehen konnte. Auch die Nicht-Reaktion der anderen Cafebesucher gab mir Sicherheit. Schließlich habe ich mich als Journalist zu erkennen gegeben, was Marie und Carola eher beiläufig zur Kenntnis nahmen. Beim Abschied war mir, als würde ich die beiden schon länger kennen. Wir haben unsere Telefonnummern ausgetauscht, weil ich gerne mit Carola einmal in die Selbsthilfegruppe gehen möchte, in der sie aktiv ist. Carola sagt: "Die Abende sind insbesondere für neue Transvestiten ein Halt, Gesprächstherapie, Stammtisch, von allem ein bisschen. Die Selbsthilfe funktioniert vor allem durch das vorgelebte Beispiel." Darüber würde ich, falls ich eingeladen werde, gerne berichten, erzählen von Einzelschicksalen, Werdegänge beschreiben. Wir wissen sehr wenig von diesen Menschen, obwohl sie mitten unter uns leben. Das faszinierende und doch totgeschwiegene Phänomen Transvestitismus kann jeden treffen, vorwiegend natürlich Männer. Dies deshalb, weil bei Frauen ein eher männliches Outfit gesellschaftlich toleriert wird. Wie mir Carola sagte, ist in ihrer Selbsthilfegruppe so ziemlich alles vertreten, vom Professor bis zum selbständigen Handwerker oder Einzelhändler. Die Leute aus akademischen Berufen überwiegen ein bisschen. Vielleicht trauen die sich eher, ihre Prägung zuzugeben und sich selbst einzugestehen. Originalton Carola: "Wir schaden keinem Menschen, nehmen niemandem etwas weg. Wir zeigen aber, dass Menschen sehr wohl ihre männlichen und ihre weiblichen Eigenschaften ausleben können. Und es tut nicht weh, aber dem Seelenfrieden ausgesprochen gut!" Marie und Carola sind getrennt aufgebrochen. "Wegen des Größenunterschieds," sagte Marie, "von wegen Pat und Patachon - Effekt." Nachdem auch Carola gegangen war, und ich habe ihr natürlich nachgeschaut, hat sie wohl meinen Blick gespürt. Ohne sich umzuwenden, hat sie mir über die Schulter zurückgewinkt. Ich fühlte mich ein bisschen erwischt. Ein Mann im Kleid - na und? Ich glaube, Carola, Marie und ich könnten Freunde werden. Jedenfalls ist meine berufliche Neugier und meine sehr private Sympathie geweckt. Ich freue mich auf ein Wiedersehen.
|